Müllkrise in Dalmatien: Droht Split ein „Neapel-Szenario“? Abfallzentrum lässt weiter auf sich warten
Von Kroatien News Redaktion·18. Oktober 2026 um 09:07

In Dalmatien wächst die Sorge vor einer schweren Krise bei der Müllentsorgung. Weil das regionale Abfallzentrum Lećevica seit Jahrzehnten auf sich warten lässt und die Kapazitäten der bisherigen Deponie Karepovac in Split nahezu ausgeschöpft sind, müssen Städte und Gemeinden nach Alternativen suchen. Die Folgen sind bereits spürbar: Mülltransporte über weite Strecken, steigende Kosten und ein Streit über die politische Verantwortung.
Dalmatien steht vor einem Problem, das längst hätte gelöst sein sollen. Das regionale Abfallwirtschaftszentrum Lećevica sollte die Müllentsorgung für Split und zahlreiche umliegende Städte und Gemeinden dauerhaft sichern. Doch obwohl das Projekt seit mehr als zwei Jahrzehnten geplant wird, ist die Anlage noch immer nicht betriebsbereit.
Nun wächst die Sorge, dass sich die Situation weiter zuspitzt. Der Bürgermeister von Sinj, Miro Bulj, warnt vor einem „Neapel-Szenario“: Gemeint ist eine Situation, in der Städte ihren Abfall nicht mehr regulär entsorgen können und sich Müll auf Straßen und öffentlichen Plätzen ansammelt.
Die Warnung ist ernst zu nehmen. Die bisherige Entsorgungsstruktur gerät zunehmend unter Druck, während eine zentrale Alternative weiterhin fehlt.
Karepovac stößt an seine Grenzen
Die Deponie Karepovac bei Split ist seit Jahren ein wichtiger Bestandteil der Abfallentsorgung in der Region. Sie nimmt nicht nur Müll aus Split auf, sondern war auch für zahlreiche umliegende Kommunen von Bedeutung.
Doch die Kapazitäten sind begrenzt. Weil sich die Inbetriebnahme von Lećevica immer wieder verzögert, müssen Städte und Gemeinden andere Möglichkeiten für die Entsorgung finden. Inzwischen wird Abfall teilweise über große Entfernungen zu anderen Anlagen transportiert.
Das verursacht zusätzliche Kosten für Transport und Behandlung. Diese Belastungen treffen die kommunalen Haushalte und können sich letztlich auch auf die Gebühren für die Bürger auswirken.
Die Lage ist besonders problematisch, weil nicht nur Split betroffen ist. Zahlreiche Gemeinden in der weiteren Umgebung waren bei der Entsorgung auf Karepovac angewiesen. Fehlt eine gemeinsame regionale Lösung, muss jede Kommune kurzfristig eigene Wege finden.
Lećevica: Ein Projekt, das seit Jahrzehnten auf seine Fertigstellung wartet
Die Geschichte des geplanten Abfallzentrums reicht weit zurück. Erste Planungen für den Standort wurden Anfang der 2000er-Jahre vorangetrieben. Seitdem haben sich Termine und Konzepte mehrfach verändert.
Als Gründe für die Verzögerungen wurden unter anderem Einwände gegen den Standort, Gerichtsverfahren, Änderungen bei der Abfallwirtschaft und langwierige Umweltprüfungen genannt. Auch die Umsetzung einzelner Bauabschnitte nahm mehr Zeit in Anspruch als vorgesehen.
Derzeit gilt das Jahr 2028 als angestrebter Termin für die Fertigstellung des Zentrums. Voraussetzung ist, dass die nächsten Schritte bei Ausschreibung, Auftragsvergabe und Bau planmäßig verlaufen.
Die zweite Projektphase umfasst unter anderem Anlagen zur mechanischen und biologischen Abfallbehandlung sowie die dazugehörige Infrastruktur. Für diesen Abschnitt wurden rund 70 Millionen Euro veranschlagt. Die Gesamtkosten des Projekts liegen inzwischen deutlich über den ursprünglichen Schätzungen.
Damit wird deutlich, wie weit die ursprünglichen Erwartungen und der tatsächliche Fortschritt auseinanderliegen. Während die Region seit Jahren auf eine moderne Entsorgungslösung wartet, muss sie die Übergangszeit mit provisorischen und teilweise teuren Alternativen überbrücken.
Politischer Streit um die Verantwortung
Die Verzögerungen haben längst eine politische Auseinandersetzung ausgelöst. Miro Bulj macht die Führung der Gespanschaft Split-Dalmatien für die Entwicklung verantwortlich. Besonders scharf kritisiert er den langjährigen Stillstand bei Lećevica und fordert Konsequenzen von den Verantwortlichen.
Auch der Bürgermeister von Split, Tomislav Šuta, steht in der Debatte im Fokus. Vor seinem Amtsantritt war er Direktor des Regionalen Zentrums für eine saubere Umwelt, des Unternehmens, das mit der Umsetzung des Projekts betraut ist.
Die Gespanschaft und die Projektverantwortlichen weisen die Kritik teilweise zurück. Sie verweisen unter anderem darauf, dass Städte und Gemeinden ihre Abfalltrennung verbessern müssten. Eine unzureichende getrennte Sammlung erschwere die Abfallwirtschaft zusätzlich und könne nicht allein mit dem fehlenden Zentrum erklärt werden.
Damit stehen sich zwei Sichtweisen gegenüber: Während Kritiker die jahrzehntelange Verzögerung als zentrale Ursache der aktuellen Probleme betrachten, betonen die Verantwortlichen auch die Pflichten der Kommunen und die Schwierigkeiten bei der Umsetzung eines komplexen Infrastrukturprojekts.
Unstrittig ist jedoch, dass die Region weiterhin keine vollständig betriebsbereite zentrale Anlage besitzt, die die vorgesehene Aufgabe übernehmen könnte.
Was das für Einwohner und Tourismus bedeutet
Wenn Müll nicht mehr zuverlässig und kostengünstig entsorgt werden kann, sind die Auswirkungen im Alltag schnell sichtbar. Überfüllte Sammelstellen, längere Transportwege und steigende kommunale Ausgaben können die Lebensqualität beeinträchtigen.
Für Dalmatien kommt eine weitere Dimension hinzu: Die Region ist eines der wichtigsten Tourismusgebiete Kroatiens. Saubere Straßen, gepflegte öffentliche Plätze und funktionierende kommunale Dienstleistungen sind für Einwohner ebenso wichtig wie für Urlauber und die lokale Wirtschaft.
Ein tatsächliches Müllchaos wäre daher nicht nur ein Umweltproblem. Es könnte auch das Image der Städte und Küstenorte belasten. Allerdings bedeutet die derzeitige Lage nicht automatisch, dass es bereits flächendeckend zu Müllansammlungen wie in früheren Krisen in Neapel kommt. Die Warnung beschreibt vor allem das Risiko, falls keine ausreichenden Entsorgungsmöglichkeiten gefunden werden.
Die entscheidenden Monate stehen bevor
Bis zur geplanten Fertigstellung von Lećevica müssen die betroffenen Kommunen tragfähige Zwischenlösungen organisieren. Dazu gehören alternative Entsorgungsanlagen, verlässliche Transportkapazitäten und eine bessere getrennte Sammlung von Abfällen.
Gleichzeitig muss das Projekt weiter vorankommen. Jeder weitere Verzug verlängert die Phase, in der Städte und Gemeinden mit zusätzlichen Kosten und unsicheren Entsorgungswegen umgehen müssen.
Dalmatien braucht eine dauerhafte Lösung für sein Müllproblem. Lećevica soll diese Aufgabe übernehmen – doch solange das Zentrum nicht in Betrieb ist, bleibt die Region unter Druck. Ob das befürchtete „Neapel-Szenario“ verhindert werden kann, hängt deshalb sowohl vom Fortschritt des Bauprojekts als auch von funktionierenden Übergangslösungen ab.
Foto: KI Symbolbild



