Kroatien rüstet auf: Milliardenprogramm verändert die Streitkräfte
Von Kroatien News Redaktion·05. September 2026 um 14:16

Kroatien startet einen der größten Modernisierungsschübe seiner jüngeren Militärgeschichte. Neue Raketenartillerie, modernisierte Rafale-Kampfjets, geschützte Kommunikation, zusätzliche Panzerabwehr und neue Infrastruktur sollen die Streitkräfte in den kommenden Jahren grundlegend verändern. Hinter den Milliardeninvestitionen steht nicht nur die veränderte Sicherheitslage in Europa. Zagreb will seine Rolle innerhalb der NATO neu definieren.
Zagreb investiert derzeit in eine militärische Modernisierung, wie sie das Land seit dem Ende des Kroatienkriegs nicht mehr erlebt hat.
Am 4. September 2026 beschloss die kroatische Regierung ein umfangreiches Paket zusätzlicher Rüstungsprojekte. Im Mittelpunkt stehen 18 südkoreanische Raketenwerfer des Typs K239 Chunmoo, die kroatische Luftwaffe erhält zusätzliche Fähigkeiten für ihre Rafale-Kampfflugzeuge, außerdem werden Kommunikationssysteme, Panzerabwehrwaffen, Radartechnik und militärische Infrastruktur modernisiert. Allein die nun beschlossene Beschaffung der Chunmoo-Systeme hat einen Wert von 544,1 Millionen Euro inklusive Mehrwertsteuer. (Poslovni Dnevnik)
Zusammengenommen erreichen die jetzt konkret bezifferten neuen Vorhaben einen Umfang von mehr als 720 Millionen Euro. Hinzu kommt die Modernisierung des Radarsystems AN/FPS-117, deren Kosten in der aktuellen Regierungsmitteilung nicht genannt werden. (Poslovni Dnevnik)
Es handelt sich damit nicht um eine einzelne Anschaffung, sondern um einen weiteren Schritt in einem langfristigen Umbau der kroatischen Streitkräfte.
Vom ehemaligen Jugoslawien zur NATO-Armee
Die kroatische Armee hat in den vergangenen Jahren bereits einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen.
Besonders sichtbar wurde dieser durch die Beschaffung von zwölf französischen Rafale-Kampfflugzeugen. Das Projekt war mit mehr als einer Milliarde Euro die bis dahin größte Einzelinvestition in die kroatischen Streitkräfte seit der Unabhängigkeit. (Vlada Hrvatske)
Nun folgt die nächste Stufe.
Die Regierung in Zagreb will aus den Streitkräften eine technologisch modernere und stärker vernetzte Armee machen. Dabei geht es nicht allein um mehr Waffen. Entscheidend sind Reichweite, Aufklärung, Kommunikation, Luftverteidigung und die Fähigkeit, unterschiedliche Systeme miteinander zu verbinden.
Der Krieg in der Ukraine hat diese Entwicklung beschleunigt.
Premierminister Andrej Plenković verwies bei der Vorstellung des neuen Programms ausdrücklich auf die Erfahrungen aus dem russischen Angriffskrieg. Moderne Armeen müssten in der Lage sein, Ziele über große Entfernungen präzise zu bekämpfen, Angriffe aus der Luft abzuwehren und über sichere Kommunikationssysteme ein möglichst vollständiges Lagebild zu erhalten. (Poslovni Dnevnik)
18 Chunmoo für Kroatien
Die spektakulärste neue Anschaffung sind die 18 K239-Chunmoo-Raketenwerfer aus Südkorea.
Das System ersetzt ältere Raketenartillerie und soll Kroatien erstmals eine moderne Fähigkeit zum präzisen Wirken über größere Entfernungen verschaffen. Die Regierung bezeichnet die Beschaffung als eine der wichtigsten Investitionen in die kroatische Armee seit dem Ende des Kroatienkriegs. (Poslovni Dnevnik)
Der Chunmoo ist dabei kein isoliertes Waffensystem. Die Raketenwerfer werden zusammen mit Munition, Unterstützungsgerät und einem Führungs- und Kommunikationssystem beschafft.
Die Integration übernimmt unter anderem das polnische Unternehmen WB Electronics, während Hanwha Aerospace aus Südkorea die Werfer, Raketen und weitere Komponenten liefert. Die Auslieferung soll zwischen 2026 und 2029 erfolgen. (Poslovni Dnevnik)
Für Kroatien ist die Entscheidung auch deshalb interessant, weil das Land bereits über amerikanische HIMARS-Systeme verfügt. Nach Darstellung der Regierung sollen Chunmoo und HIMARS einander ergänzen. (Poslovni Dnevnik)
Damit entsteht innerhalb der kroatischen Armee schrittweise eine moderne Fähigkeit für weitreichendes und präzises Feuer.
Auch die Rafale werden aufgerüstet
Mit dem Kauf der Rafale hat Kroatien seine Luftstreitkräfte bereits auf ein völlig neues technologisches Niveau gehoben.
Jetzt werden die Flugzeuge weiter modernisiert.
Für 112,2 Millionen Euro sollen zusätzliche Systeme zur Erkennung und Selbstverteidigung integriert werden. Dazu gehören unter anderem Sensoren zur Erkennung von Raketen sowie Systeme zur Erfassung, Identifizierung und Verfolgung von Zielen in der Luft. (Poslovni Dnevnik)
Die Maßnahme soll die Rafale vom bisherigen F3R-Standard in Richtung des F4-Standards weiterentwickeln.
Die Arbeiten sind für den Zeitraum von 2026 bis 2032 vorgesehen. Auftragspartner ist der französische Hersteller Dassault Aviation. (Poslovni Dnevnik)
Das ist strategisch bedeutsam: Kroatien investiert damit nicht nur in neue Flugzeuge, sondern in deren langfristige Einsatzfähigkeit.
Das unsichtbare Rückgrat: Kommunikation
Weniger spektakulär als Kampfjets und Raketenwerfer ist ein weiteres Projekt, das für moderne Streitkräfte jedoch entscheidend sein kann.
Das Kommunikationssystem der kroatischen Luftwaffe wird für rund 41,1 Millionen Euro modernisiert. Ziel ist eine sichere und leistungsfähigere Kommunikation zwischen den beteiligten Einheiten.
An der Ausschreibung waren Unternehmen aus mehreren NATO- und EU-Staaten beteiligt, darunter L3Harris, Thales, Rohde & Schwarz, Hensoldt, Indra, Leonardo und Frequentis. Den Zuschlag erhielt letztlich eine Kooperation aus Thales und dem kroatischen Unternehmen Odašiljači i veze. (Poslovni Dnevnik)
Gerade der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass moderne Kriegsführung nicht allein von der Zahl der Waffen abhängt.
Wer schneller Informationen erhält, Ziele besser aufklärt und Einheiten sicher miteinander verbinden kann, besitzt einen erheblichen militärischen Vorteil.
Deutsche Unternehmen profitieren ebenfalls
Bemerkenswert ist, dass auch deutsche Rüstungsunternehmen Teil der kroatischen Modernisierung sind.
Bei der Beschaffung neuer Panzerabwehrwaffen wurde die deutsche EuroSpike GmbH als Anbieter ausgewählt. Beschafft werden unter anderem Systeme für die bodengestützte Nutzung der SPIKE-LR2- und SPIKE-SR-Raketen. Der Auftragswert liegt bei knapp 13,9 Millionen Euro inklusive Mehrwertsteuer. (Poslovni Dnevnik)
Auch bei der Modernisierung der Luftfahrtkommunikation waren mit Rohde & Schwarz und Hensoldt zwei deutsche Unternehmen im Wettbewerb.
Die kroatische Aufrüstung ist damit gleichzeitig ein Beispiel für die zunehmende europäische Vernetzung der Verteidigungsindustrie.
Warum rüstet Kroatien gerade jetzt so stark auf?
Die Antwort liegt nicht allein in Zagreb.
Die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur befindet sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Wandel.
Die NATO-Staaten haben ihre Verteidigungsziele deutlich nach oben korrigiert. Kroatien gehört zu den Ländern, die ihre Verteidigungsausgaben schrittweise weiter erhöhen wollen.
Premierminister Plenković erklärte bereits im Juni, Kroatien gebe mehr als zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aus. Langfristig soll das Land das auf dem NATO-Gipfel vereinbarte Ziel von 3,5 Prozent des BIP für Verteidigung sowie weiteren 1,5 Prozent für damit verbundene sicherheitsrelevante Ausgaben bis 2035 erreichen. (Vlada Hrvatske)
Das wäre ein erheblicher Strukturwandel.
Denn für ein Land mit knapp vier Millionen Einwohnern bedeuten solche Quoten Milliardenbeträge, die über Jahre in Beschaffung, Personal, Infrastruktur und militärische Fähigkeiten fließen.
1,7 Milliarden Euro aus dem europäischen SAFE-Programm
Ein wichtiger Baustein dieser Entwicklung ist die europäische Finanzierung.
Im Mai 2026 unterzeichnete Kroatien mit der Europäischen Kommission ein Darlehensabkommen über 1,7 Milliarden Euro im Rahmen des EU-Instruments SAFE – der „Security Action for Europe“. Damit soll die Modernisierung der kroatischen Verteidigung unterstützt werden. (Vlada Hrvatske)
Das Programm umfasst unter anderem deutsche Leopard-Kampfpanzer, französische Caesar-Haubitzen, tschechische Militärfahrzeuge und Munition. (Vlada Hrvatske)
Damit wird deutlich, dass Kroatiens Aufrüstung nicht als isoliertes nationales Projekt verstanden werden kann.
Sie ist Teil einer größeren europäischen Entwicklung.
Kroatien will mehr sein als ein kleines NATO-Mitglied
Strategisch betrachtet verändert sich damit auch die Rolle Kroatiens.
Das Land liegt an einer wichtigen Schnittstelle zwischen Mitteleuropa, dem westlichen Balkan und der Adria. Kroatien grenzt an Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro, Slowenien und Ungarn und besitzt gleichzeitig eine lange Adriaküste.
Zagreb ist zudem Mitglied von NATO und Europäischer Union.
Eine modernere Armee stärkt daher nicht nur die nationale Verteidigung. Sie erhöht auch den Beitrag Kroatiens zur gemeinsamen Verteidigungsfähigkeit der Allianz.
Das erklärt, weshalb die Regierung die neuen Investitionen immer wieder mit der europäischen und transatlantischen Sicherheit begründet.
Die neue Armee wird technologischer – aber auch teurer
Die Modernisierung hat allerdings einen Preis.
Moderne Waffensysteme verursachen nicht nur hohe Anschaffungskosten. Sie müssen gewartet, modernisiert und mit Munition versorgt werden. Soldaten müssen ausgebildet werden, Ersatzteile müssen verfügbar sein und Infrastruktur muss angepasst werden.
Ein Kampfjet ist daher nicht mit seinem Kaufpreis bezahlt.
Dasselbe gilt für Raketenartillerie, Radarsysteme und geschützte Kommunikationsnetze.
Für Kroatien bedeutet die aktuelle Entwicklung deshalb eine langfristige finanzielle Verpflichtung.
Die Regierung setzt darauf, dass höhere Verteidigungsausgaben angesichts der veränderten Sicherheitslage notwendig sind. Gleichzeitig muss Zagreb darauf achten, dass die wachsenden Militärausgaben mit anderen staatlichen Prioritäten vereinbar bleiben.
Eine wirtschaftliche Dimension kommt hinzu
Die Aufrüstung ist allerdings nicht ausschließlich eine Belastung für den Staatshaushalt.
Sie kann auch wirtschaftliche Chancen schaffen.
Kroatien versucht zunehmend, bei internationalen Beschaffungen industrielle Kooperationen einzubinden. Bei den Chunmoo-Systemen ist ausdrücklich eine Zusammenarbeit mit der Industrie vorgesehen. Auch bei anderen Projekten werden kroatische Unternehmen in Wartung, Infrastruktur oder technische Dienstleistungen einbezogen.
Damit kann ein Teil der Verteidigungsausgaben in der heimischen Wirtschaft ankommen.
Das ist für ein kleineres EU-Land besonders interessant: Wer große Waffensysteme importiert, kann gleichzeitig versuchen, eigenes Know-how und eigene industrielle Fähigkeiten aufzubauen.
Was bedeutet das für Kroatiens Zukunft?
Die aktuelle Beschaffungswelle ist mehr als eine Liste neuer Waffen.
Sie zeigt, wie sich Kroatien seit seinem NATO-Beitritt im Jahr 2009 weiterentwickelt hat.
Aus einer Armee, deren Ausrüstung über lange Zeit stark von älteren Systemen geprägt war, soll eine technologisch modernere NATO-Streitkraft entstehen.
Rafale-Kampfjets, Leopard-Panzer, Caesar-Haubitzen, HIMARS und Chunmoo stehen dabei symbolisch für diesen Wandel.
Noch wichtiger ist jedoch, dass diese Systeme miteinander verbunden werden sollen – durch moderne Kommunikation, Aufklärung und Führung.
Das eigentliche Ziel lautet daher nicht einfach: mehr Waffen.
Es lautet: mehr Fähigkeiten.
Ein neues Kapitel für die kroatischen Streitkräfte
Kroatien steht damit vor einem militärischen Modernisierungsschub, der weit über die aktuelle Regierungssitzung hinausreichen wird.
Allein die jetzt beschlossenen Projekte umfassen mehrere hundert Millionen Euro. Dazu kommen die bereits laufenden Programme für Rafale, Leopard, HIMARS, Black Hawk, Luftverteidigung und weitere Fähigkeiten sowie das europäische SAFE-Darlehen über 1,7 Milliarden Euro. (Vlada Hrvatske)
Für die kroatische Armee bedeutet dies einen historischen Technologiesprung.
Für Europa bedeutet es einen weiteren Beleg dafür, wie stark sich die sicherheitspolitische Landschaft seit dem Beginn des Ukrainekriegs verändert hat.
Und für Kroatien selbst stellt sich eine größere Frage:
Will das Land künftig nicht mehr nur vom Schutz des Bündnisses profitieren – sondern selbst zu einem militärisch relevanten Pfeiler der europäischen Südostflanke werden?
Die Entscheidungen des Jahres 2026 deuten darauf hin, dass Zagreb diese Frage zunehmend mit Ja beantwortet.
Foto: Šime Zelić / Pixsell



