Energie aus 2.700 Metern Tiefe: Kroatien zapft die Kraft der Erde an – ganze Städte sollen ab 2030 mit Erdwärme heizen
Von Kroatien News Redaktion·11. Oktober 2026 um 18:07

Kroatien will seine geothermischen Ressourcen künftig deutlich stärker nutzen. In Velika Gorica, Osijek, Vinkovci und Zaprešić könnten bereits ab 2030 Haushalte, Schulen, Kindergärten und weitere öffentliche Einrichtungen mit Wärme aus dem Erdinneren versorgt werden. Für die nächste Projektphase wurden Fördermittel in Höhe von 30 Millionen Euro bewilligt. Zusammen mit den bisherigen Investitionen beläuft sich das Volumen des Vorhabens auf mehr als 86 Millionen Euro.
Weitere Bohrungen sollen den Weg für die Wärmenetze ebnen
Am 9. Oktober wurde in Zagreb die Vereinbarung zur Förderung des Projekts „Investitionen in die Entwicklung geothermischer Energie“ unterzeichnet. Die neue Phase hat einen Gesamtwert von rund 35 Millionen Euro. Davon stammen 30 Millionen Euro aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung.
Geplant ist, in jeder der vier Städte eine zusätzliche geothermische Bohrung zu errichten. Die geologischen Untersuchungen haben an allen Standorten bereits geeignete Lagerstätten bestätigt. Nun sollen die technischen Voraussetzungen geschaffen werden, um die Wärme langfristig und zuverlässig nutzen zu können.
Die erste Projektphase war vor allem der Erkundung des Untergrunds gewidmet und wurde mit 50,8 Millionen Euro aus dem kroatischen Aufbau- und Resilienzplan finanziert. Zusammen mit der neuen Investitionsphase überschreiten die Ausgaben damit die Marke von 86 Millionen Euro.
Nach den derzeitigen Planungen könnten die Bauarbeiten an den zusätzlichen Bohrungen 2028 beginnen. Wenn das Projekt nach Zeitplan verläuft, sollen die Anlagen 2030 in Betrieb gehen.
Velika Gorica: Erdwärme könnte einen großen Teil des Wärmebedarfs decken
In Velika Gorica, südlich von Zagreb, wurden bereits Temperaturen von mehr als 100 Grad Celsius in der geothermischen Lagerstätte nachgewiesen. Analysen der zuständigen Agentur für Kohlenwasserstoffe kommen zu dem Ergebnis, dass die vorhandene Bohrung theoretisch nahezu 60 Prozent des Wärmebedarfs des örtlichen Heizsystems abdecken könnte.
Eine zusätzliche Bohrung soll dazu beitragen, einen stabilen und langfristig nutzbaren Betrieb zu ermöglichen. Für die Stadt ist das Projekt auch wirtschaftlich von Bedeutung: Geothermie könnte die Abhängigkeit von Erdgas verringern und eine besser kalkulierbare Wärmeversorgung ermöglichen.
Vinkovci plant Wärmeversorgung für mehr als 1.700 Haushalte
Besonders konkrete Pläne gibt es in Vinkovci im Osten Kroatiens. Bei Untersuchungen in rund 2.700 Metern Tiefe wurden Temperaturen von bis zu 131 Grad Celsius gemessen. Weitere Tests deuteten darauf hin, dass geothermisches Wasser mit einer Temperatur von ungefähr 100 Grad an der Oberfläche genutzt werden könnte.
In einer ersten Ausbaustufe soll ein zentrales Wärmesystem entstehen, das mehr als 1.700 Haushalte sowie Schulen, Kindergärten und weitere öffentliche Einrichtungen versorgen könnte.
Darüber hinaus bietet sich die Erdwärme für landwirtschaftliche Anwendungen an. Gewächshäuser und Folientunnel könnten beispielsweise mit der vorhandenen Wärme beheizt werden. Das wäre besonders für Betriebe interessant, die ihre Energiekosten senken und ihre Produktion unabhängiger von fossilen Brennstoffen machen wollen.
Osijek setzt auf zusätzliche Energie für Stadt und Wirtschaft
Auch Osijek sieht in der Geothermie einen wichtigen Baustein für seine künftige Energieversorgung. Die Untersuchungen bestätigten eine Lagerstättentemperatur von mehr als 100 Grad Celsius. Die thermische Leistung der vorhandenen Bohrung wird auf knapp fünf Megawatt geschätzt.
Die Wärme könnte in das bestehende Fernwärmesystem integriert werden. Zusätzlich kommen Anwendungen in der Landwirtschaft und in anderen Wirtschaftsbereichen infrage. Damit könnte das Projekt nicht nur die Energieversorgung diversifizieren, sondern auch neue Möglichkeiten für Unternehmen schaffen.
Zaprešić will öffentliche Gebäude und Gewerbe versorgen
In Zaprešić, westlich von Zagreb, befindet sich die geothermische Bohrung nahezu im Stadtzentrum. Das eröffnet Möglichkeiten, die Wärme für verschiedene öffentliche und gewerbliche Einrichtungen zu nutzen.
Zu den vorgesehenen Einsatzbereichen zählen Sporthallen, Schulen, Kindergärten, ein Schwimmbad, der kommunale Betrieb sowie eine neue Gewerbezone. Wie groß der tatsächliche Versorgungsumfang ausfallen wird, hängt von der weiteren technischen Planung und dem Aufbau der erforderlichen Infrastruktur ab.
Kroatien verfügt über besonders günstige geologische Bedingungen
Der kroatische Teil des Pannonischen Beckens gilt als besonders vielversprechend für die Nutzung geothermischer Energie. Nach Angaben von Wirtschaftsminister Ante Šušnjar liegt der geothermische Gradient dort rund 60 Prozent über dem europäischen Durchschnitt. Dieser Wert beschreibt, wie schnell die Temperatur im Erdinneren mit zunehmender Tiefe steigt.
Geothermie hat gegenüber Solar- und Windenergie einen wesentlichen Vorteil: Sie steht grundsätzlich unabhängig von Tageszeit, Sonneneinstrahlung und Windverhältnissen zur Verfügung. Wird heißes Wasser aus einer geeigneten Lagerstätte gefördert, kann seine Wärme über entsprechende Anlagen für Heizsysteme genutzt werden. Anschließend wird das abgekühlte Wasser in der Regel wieder in den Untergrund zurückgeführt.
Die Technologie könnte Kroatien helfen, den Einsatz fossiler Brennstoffe in der Wärmeversorgung zu reduzieren und lokale Energiequellen stärker zu nutzen. Ob daraus tatsächlich niedrigere Heizkosten für die Bevölkerung entstehen, wird allerdings auch von den Investitionskosten, dem Ausbau der Wärmenetze und der späteren Betriebsführung abhängen.
Inbetriebnahme für 2030 vorgesehen
Mit den vier Projekten will Kroatien einen weiteren Schritt hin zu einer unabhängigeren und klimafreundlicheren Energieversorgung machen. Die geologischen Voraussetzungen wurden an allen Standorten bestätigt. Jetzt geht es darum, die zusätzlichen Bohrungen zu errichten und die Wärme in die kommunalen Versorgungssysteme einzubinden.
Der Zeitplan sieht einen Baubeginn im Jahr 2028 und eine mögliche Inbetriebnahme 2030 vor. Bis dahin müssen die technischen und infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen werden. Gelingt das wie geplant, könnten Velika Gorica, Osijek, Vinkovci und Zaprešić zu Vorreitern einer Wärmeversorgung werden, die stärker auf heimische Energiequellen statt auf importierte fossile Brennstoffe setzt.



