CROATIVA: Wie Kroatien seine Kreativität zum Wirtschaftsfaktor machen will
Von Kroatien News Redaktion·10. September 2026 um 09:04

Kroatien versucht seit Jahren, seine wirtschaftliche Abhängigkeit vom Tourismus zu verringern. Nun rückt ein Bereich stärker in den Mittelpunkt, der lange eher als kulturelles Nebenfeld betrachtet wurde: die Kreativwirtschaft. Design, Architektur, Film, Musik, Medien, Werbung, Videospiele und digitale Technologien sind längst nicht mehr nur Ausdruck kultureller Dynamik, sondern können zu international vermarktbaren Produkten und Dienstleistungen werden. Mit der neuen Initiative CROATIVA will die Kroatische Wirtschaftskammer deshalb die kreativen Branchen enger mit Unternehmen, Investoren, Wissen und internationalen Märkten verbinden.
Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Die kroatische Wirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren dynamisch entwickelt, doch die Suche nach zusätzlichen Wachstumsquellen bleibt eine zentrale Aufgabe. Ein Land mit knapp vier Millionen Einwohnern kann dauerhaft nur begrenzt über einen größeren Binnenmarkt wachsen. Umso wichtiger werden Unternehmen, deren Produkte von Anfang an international gedacht sind. Genau hier sieht die Wirtschaftskammer ein bislang nicht vollständig ausgeschöpftes Potenzial der Kreativwirtschaft.
Die Zahlen unterstreichen diese Entwicklung. Nach Angaben der Kroatischen Wirtschaftskammer stiegen die Umsätze der kreativen und kulturellen Branchen zwischen 2021 und 2025 um rund 60 Prozent auf etwa 3,9 Milliarden Euro. Der Gewinn erhöhte sich im gleichen Zeitraum um 46,3 Prozent auf knapp 298 Millionen Euro. Mehr als 6.300 Unternehmen sind inzwischen in diesem Bereich tätig und beschäftigen rund 31.000 Menschen. Damit ist die Kreativwirtschaft längst kein kleines Nischenphänomen mehr, sondern ein Wirtschaftszweig mit wachsender Bedeutung.
Interessant ist dabei vor allem die Bandbreite der Branche. Sie reicht von klassischen Bereichen wie Architektur und Design bis zu Film, Musik und Werbung, umfasst aber ebenso Medienunternehmen, Gaming und digitale Plattformen. Gerade an dieser Schnittstelle zwischen Kreativität und Technologie entstehen Geschäftsmodelle, die sich vergleichsweise unabhängig von der Größe des heimischen Marktes entwickeln können. Eine Software, ein Computerspiel oder eine digitale Dienstleistung kann von Zagreb, Split oder Rijeka aus einen weltweiten Kundenkreis erreichen.
Ein Beispiel dafür ist das Sportdatenunternehmen Sofascore. Das von Ivan Bešlić und seinen Mitgründern aufgebaute Unternehmen hat sich von einem kroatischen Projekt zu einer international bekannten digitalen Plattform entwickelt. Solche Erfolgsgeschichten sind für die Debatte über die kroatische Wirtschaft von größerer Bedeutung, als es zunächst scheint. Sie zeigen, dass internationale Wachstumsunternehmen nicht zwangsläufig aus großen Volkswirtschaften kommen müssen. Entscheidend sind vielmehr Ideen, technisches Know-how, Kapital und die Fähigkeit, ein Produkt über die Grenzen des eigenen Landes hinaus zu skalieren.
Genau an diesem Punkt setzt CROATIVA an. Die Initiative der Kroatischen Wirtschaftskammer soll nicht lediglich mehr Aufmerksamkeit für kreative Berufe schaffen. Es geht vielmehr darum, die Verbindung zwischen Kreativität und Unternehmertum systematischer zu organisieren. Kreative Unternehmen sollen leichter Zugang zu Wissen, Geschäftspartnern, internationalen Märkten und Informationen über Finanzierungsmöglichkeiten erhalten. Gleichzeitig sollen etablierte Unternehmen stärker erkennen, welches Potenzial in Design, digitalen Technologien, Medien und anderen kreativen Dienstleistungen für ihre eigene Entwicklung steckt.
Ein wichtiger Bestandteil ist die CROATIVA Academy, die praktische Kenntnisse und Werkzeuge vermitteln soll. Hinzu kommt das CROATIVA Center of Creative Industries, eine digitale Plattform, die unter anderem den Austausch zwischen Unternehmen erleichtern, erfolgreiche Geschäftsmodelle sichtbar machen und die Internationalisierung unterstützen soll. Auch Informationen über europäische Förderprogramme und die Finanzierung von Projekten sollen dort gebündelt werden. Damit versucht die Wirtschaftskammer, aus einer lose verbundenen Szene einen besser vernetzten Wirtschaftsbereich zu entwickeln.
Wie groß die Ambitionen sind, soll sich Ende September in Zagreb zeigen. Am 29. September ist die Konferenz „CROATIVA – Outside the Box“ im HNK 2 vorgesehen. Dort sollen Vertreter aus Wirtschaft, Kreativbranche und Wissenschaft darüber diskutieren, wie aus Ideen marktfähige Produkte und aus kreativen Talenten international erfolgreiche Unternehmen werden können. Auch Fragen des Kapitalmarktes und der Finanzierung spielen dabei eine Rolle – ein Hinweis darauf, dass CROATIVA bewusst über klassische Kulturförderung hinausgeht.
Der kroatische Kommunikationsexperte und Hochschulmanager Božo Skoko sieht in der Initiative deshalb eine mögliche Zäsur. Kroatien verfüge über ein erhebliches kreatives Potenzial, müsse dieses aber stärker mit unternehmerischem Denken und internationaler Sichtbarkeit verbinden. Der entscheidende Schritt besteht damit nicht darin, Kreativität erst zu entdecken. Sie ist längst vorhanden. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, aus kreativen Fähigkeiten dauerhaft wirtschaftliche Wertschöpfung entstehen zu lassen.
Das ist auch deshalb relevant, weil Kroatien bei der internationalen Vermarktung seiner wirtschaftlichen Stärken traditionell stark mit dem Tourismus verbunden wird. Das Land besitzt zweifellos einen außergewöhnlichen Standortvorteil an der Adriaküste und hat den Tourismus zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Doch ein Geschäftsmodell, das stark von saisonaler Nachfrage und physischen Standorten abhängt, lässt sich nur begrenzt skalieren. Kreative und digitale Unternehmen bieten dagegen die Möglichkeit, Wertschöpfung zu exportieren, ohne dass dafür jedes Jahr mehr Besucher ins Land kommen müssen.
Damit ist CROATIVA auch ein Versuch, das wirtschaftliche Selbstbild Kroatiens zu verändern. Nicht allein Sonne, Meer und historische Städte sollen international für das Land stehen, sondern zunehmend auch Software, Design, Medien, Spiele, Architektur und kreative Dienstleistungen. Der Weg dorthin wird allerdings nicht allein über Konferenzen und Plattformen führen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, Unternehmen beim Wachstum tatsächlich Zugang zu Kapital, qualifizierten Mitarbeitern und internationalen Netzwerken zu verschaffen.
Für Kroatien könnte gerade darin eine der interessantesten wirtschaftlichen Chancen der kommenden Jahre liegen. Die Grundlage ist vorhanden: eine wachsende Zahl kreativer Unternehmen, eine junge digitale Szene und einzelne Firmen, die bereits bewiesen haben, dass sich internationale Märkte von Kroatien aus erschließen lassen. Was bislang häufig als Talent einzelner Gründer oder als Erfolg einzelner Unternehmen erschien, soll mit CROATIVA stärker zu einer wirtschaftlichen Strategie werden.
Die Initiative der Wirtschaftskammer steht damit für einen breiteren Wandel. Kroatien will seine Rolle innerhalb der europäischen Wirtschaft nicht nur über günstige Standorte, Tourismus oder klassische Dienstleistungen definieren, sondern stärker über Wissen, Technologie und Ideen. Ob daraus tatsächlich eine neue Säule der kroatischen Wirtschaft entsteht, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Der Versuch, Kreativität nicht länger als Gegensatz zur Wirtschaft, sondern als deren Wachstumsmotor zu verstehen, ist jedoch bereits selbst ein bemerkenswerter Schritt.
Foto: Croativa



