PolitikEigenbeitrag

Kroatien unterstützt Bosnien und Herzegowina auf dem Weg in die EU – 2027 wird zum Schlüsseljahr

Von Kroatien News Redaktion·14. September 2026 um 17:45

Kroatien will Bosnien und Herzegowina auf dem Weg in die Europäische Union weiterhin eng begleiten. Für Zagreb ist die europäische Perspektive des Nachbarlandes längst mehr als eine Frage guter Nachbarschaftspolitik. Sie gilt als strategisches Interesse Kroatiens – und als wichtiger Faktor für Stabilität, Sicherheit und wirtschaftliche Entwicklung in Südosteuropa.

Das kommende Jahr könnte dabei entscheidend werden. Bosnien und Herzegowina steht vor der Aufgabe, die notwendigen Reformen voranzutreiben und die Voraussetzungen für die nächsten konkreten Schritte im Beitrittsprozess zu schaffen. Kroatien will dabei vor allem seine eigenen Erfahrungen aus dem EU-Beitrittsprozess weitergeben.

Zagreb bietet Erfahrung aus dem eigenen Beitrittsprozess an

Kroatien kennt die Schwierigkeiten eines EU-Beitritts aus eigener Erfahrung. Das Land trat 2013 der Europäischen Union bei und durchlief zuvor jahrelang einen umfangreichen Reform- und Verhandlungsprozess.

Dieses Wissen soll nun Bosnien und Herzegowina zugutekommen. Kroatische Experten und Institutionen können ihre Erfahrungen etwa bei der Anpassung von Gesetzen, beim Aufbau leistungsfähiger Verwaltungen und bei der Umsetzung europäischer Standards zur Verfügung stellen.

Für Zagreb geht es dabei nicht darum, Bosnien und Herzegowina einen eigenen Weg vorzuschreiben. Vielmehr soll das Land dabei unterstützt werden, die notwendigen Voraussetzungen möglichst schnell und erfolgreich zu erfüllen.

Premierminister Andrej Plenković betont dabei regelmäßig, dass die EU-Erweiterung nach dem Prinzip der individuellen Leistung erfolgen müsse. Jedes Land müsse die Kriterien selbst erfüllen. Gleichzeitig gehört Kroatien zu den deutlichsten Befürwortern einer europäischen Perspektive für die Staaten des Westbalkans.

Bosnien und Herzegowina hat noch einen schwierigen Weg vor sich

Die Europäische Union hatte Bosnien und Herzegowina bereits 2024 grundsätzlich grünes Licht für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen gegeben. Seitdem hat sich allerdings gezeigt, wie schwierig die Umsetzung der notwendigen Reformen ist.

Die politischen und institutionellen Strukturen des Landes machen Entscheidungen häufig kompliziert. Besonders wichtig sind Reformen im Bereich Rechtsstaatlichkeit, Justiz und Funktionsfähigkeit staatlicher Institutionen. Auch die Bekämpfung von Korruption und die Verbesserung des Geschäftsumfelds gehören zu den zentralen Anforderungen.

Die EU hat deshalb deutlich gemacht, dass die politische Perspektive allein nicht ausreicht. Bosnien und Herzegowina muss konkrete Reformen umsetzen, bevor der Beitrittsprozess entscheidend vorankommen kann.

Gerade hier sieht Kroatien eine Möglichkeit, praktische Unterstützung zu leisten.

EU-Geld als zusätzlicher Anreiz

Der Reformprozess ist nicht nur eine politische Frage. Mit ihm sind auch erhebliche finanzielle Möglichkeiten verbunden.

Bosnien und Herzegowina konnte im August nach Abschluss der notwendigen Ratifizierungsschritte rund 140,5 Millionen Euro an nicht rückzahlbaren EU-Mitteln aus dem Instrument für Heranführungshilfe IPA III freischalten. Diese Gelder sollen unter anderem Reformen und Investitionen unterstützen.

Gleichzeitig zeigt die Entwicklung der vergangenen Monate, dass europäische Finanzmittel zunehmend an konkrete Fortschritte gekoppelt werden. Die EU verbindet ihre Unterstützung immer stärker mit der Umsetzung vereinbarter Reformschritte.

Das erhöht den Druck auf die politischen Verantwortlichen in Sarajevo. Wer Reformen umsetzt, kann nicht nur schneller auf dem Weg in die EU vorankommen, sondern erhält auch früher Zugang zu finanzieller Unterstützung und zu einer engeren wirtschaftlichen Integration.

Für Kroatien hat Bosnien und Herzegowina eine besondere Bedeutung

Die besondere Bedeutung des Nachbarlandes für Kroatien ergibt sich auch aus der geografischen und gesellschaftlichen Nähe. Die beiden Länder teilen eine lange Grenze, enge wirtschaftliche Beziehungen und intensive persönliche Verbindungen.

Für zahlreiche Menschen aus Bosnien und Herzegowina ist Kroatien das wichtigste Tor zur Europäischen Union. Viele leben, arbeiten oder studieren in Kroatien oder nutzen das Land als Transitweg in andere EU-Staaten.

Hinzu kommt die besondere Stellung der Kroaten in Bosnien und Herzegowina. Kroatien betrachtet deren politische Gleichberechtigung und ihre institutionelle Stellung als einen wichtigen Bestandteil seiner Beziehungen zu Sarajevo.

Die europäische Integration Bosnien und Herzegowinas könnte aus Sicht Zagrebs deshalb mehrere Probleme gleichzeitig entschärfen: Sie würde die wirtschaftliche Verflechtung vertiefen, die Grenzregionen stärker integrieren und langfristig für mehr politische und institutionelle Stabilität sorgen.

Auch wirtschaftlich wäre ein EU-Beitritt von großer Bedeutung

Für die Wirtschaft Kroatiens wäre ein EU-Beitritt des Nachbarlandes ebenfalls von erheblicher Bedeutung. Schon heute bestehen enge Handelsbeziehungen zwischen beiden Staaten. Zahlreiche kroatische Unternehmen sind in Bosnien und Herzegowina aktiv, während Unternehmen aus dem Nachbarland stark auf den kroatischen Markt und die EU angewiesen sind.

Ein schrittweises Heranrücken an den europäischen Binnenmarkt könnte diese Beziehungen weiter vereinfachen. Gleichzeitig würden Investitionen und grenzüberschreitende Projekte erleichtert.

Besonders für die Grenzregionen könnte dies langfristig neue Chancen schaffen. Infrastruktur, Energie, Verkehr und Tourismus gehören zu den Bereichen, in denen eine engere Zusammenarbeit erhebliche Auswirkungen haben könnte.

Kroatien hat zudem ein eigenes Interesse an einer besseren Anbindung Bosnien und Herzegowinas an europäische Verkehrs- und Energiestrukturen. Die Entwicklung von Gas- und Stromverbindungen sowie gemeinsame Infrastrukturprojekte gehören deshalb ebenfalls zur strategischen Zusammenarbeit.

2027 könnte zum entscheidenden Jahr werden

Dass das kommende Jahr als besonders wichtig gilt, hat einen einfachen Grund: Bosnien und Herzegowina muss zeigen, ob aus dem politischen Bekenntnis zur EU konkrete Fortschritte werden.

Die EU selbst hat wiederholt darauf hingewiesen, dass das Zeitfenster für Reformen genutzt werden müsse. Gleichzeitig schreitet die Erweiterung in Teilen des Westbalkans unterschiedlich schnell voran. Montenegro und Albanien gelten derzeit als deutlich weiter fortgeschritten, während Bosnien und Herzegowina bei mehreren Reformschritten zurückliegt.

Damit wächst der Wettbewerb um politische Aufmerksamkeit und europäische Unterstützung.

Kroatien möchte verhindern, dass Bosnien und Herzegowina dauerhaft zurückfällt. Zagreb sieht sich dabei auch als Vermittler zwischen dem Nachbarland und den europäischen Institutionen. Die Botschaft lautet: Die Tür zur EU steht offen – aber Bosnien und Herzegowina muss selbst durch diese Tür gehen.

Kroatien will helfen – entscheiden muss Sarajevo

Die Rolle Kroatiens bleibt deshalb eine besondere. Zagreb kann Erfahrungen, Fachwissen und politische Unterstützung anbieten. Die eigentlichen Entscheidungen liegen jedoch in Bosnien und Herzegowina.


Am Ende wird nicht Kroatien darüber entscheiden, wie schnell das Land der EU näherkommt, sondern die Bereitschaft der politischen Akteure in Sarajevo, die notwendigen Reformen tatsächlich umzusetzen.

Für Kroatien ist die Richtung dennoch eindeutig. Eine europäische Zukunft Bosnien und Herzegowinas würde nicht nur dem Nachbarland selbst nutzen, sondern auch Kroatiens Sicherheits-, Wirtschafts- und Stabilitätsinteressen stärken.

Das kommende Jahr könnte deshalb zu einem Wendepunkt werden. Wenn Bosnien und Herzegowina die notwendigen Reformen beschleunigt, könnte der lange blockierte EU-Prozess neue Dynamik bekommen. Kroatien steht dabei bereit, seine eigenen Erfahrungen weiterzugeben.

Für Zagreb ist die Botschaft klar: Bosnien und Herzegowina soll nicht am Rand Europas bleiben, sondern Schritt für Schritt Teil der europäischen Zukunft werden.



Kommentare

Zum Kommentieren bitte anmelden – mit Google oder Apple.

    Mehr aus Politik

    Kroatische Rentner in Deutschland aufgepasst: Lebensbescheinigung bis 30. November einreichen
    PolitikKroatien NewsEigenbeitrag

    Kroatische Rentner in Deutschland aufgepasst: Lebensbescheinigung bis 30. November einreichen

    Wer eine kroatische Rente bezieht und in Deutschland lebt, sollte jetzt seine Post prüfen. Der kroatische Rentenversicherungsträger HZMO fordert einen Teil der Rentenempfänger auf, bis spätestens 30. November 2026 eine beglaubigte Lebensbescheinigung einzureichen. Wer das erforderliche Dokument trotz entsprechender Aufforderung nicht rechtzeitig vorlegt, riskiert eine Unterbrechung der Rentenzahlu

    29.10.2026

    Attentäter von Belgrad soll aus Deutschland abgeschoben worden sein – Anschlagspläne in München vermutet
    PolitikKroatien NewsEigenbeitrag

    Attentäter von Belgrad soll aus Deutschland abgeschoben worden sein – Anschlagspläne in München vermutet

    Nach dem Terrorangriff vor der israelischen Botschaft in Belgrad werden neue Details über den getöteten mutmaßlichen Täter bekannt. Laut serbischen Medien soll der Minderjährige bereits im Mai in München wegen des Verdachts auf geplante terroristische Aktivitäten festgenommen und im Juli nach Serbien abgeschoben worden sein. Besonders brisant: Er soll einen Angriff auf die jüdische Gemeinschaft in

    28.10.2026

    Serbien: Studenten stürzen Vučićs Regime – Machtwechsel in Belgrad zeichnet sich ab
    PolitikKroatien NewsEigenbeitrag

    Serbien: Studenten stürzen Vučićs Regime – Machtwechsel in Belgrad zeichnet sich ab

    Historischer Wahlausgang in Serbien: Die studentische Bewegung hat die Parlamentswahl nach den bisherigen Prognosen klar gewonnen. Aleksandar Vučić räumte die Niederlage seines politischen Lagers ein. In Belgrad feierten Tausende Menschen auf den Straßen – nach Jahren der Proteste könnte die langjährige Herrschaft der Regierungspartei SNS zu Ende gehen.

    25.10.2026

    Unterstützen Sie Kroatien News