
Foto: Verne
Kroatiens Vorzeigeprojekt steht vor der Abrechnung – und vor einer unangenehmen Frage: Was ist von den großen Plänen für das autonome Fahren tatsächlich übrig geblieben?
Zagreb. Auf den Straßen Zagrebs lässt sich derzeit eine Zukunft besichtigen, die vor wenigen Jahren noch wie eine politische Vision klang: Autos fahren weitgehend selbständig durch die kroatische Hauptstadt und können über eine App bestellt werden. Doch hinter diesem sichtbaren Erfolg verbirgt sich ein wesentlich komplizierteres Bild. Denn die Robotaxis, die heute in Zagreb unterwegs sind, sind nicht das Fahrzeug, für dessen Entwicklung Kroatien seinem heimischen Unternehmen Verne rund 179,5 Millionen Euro aus dem europäischen Wiederaufbauprogramm zugesagt hatte.
Damit steht eines der ambitioniertesten Technologieprojekte des Landes vor seiner entscheidenden Prüfung.
Das Vorhaben geht auf das Unternehmen Project 3 Mobility zurück, das inzwischen unter dem Namen Verne auftritt und zur Unternehmenswelt des kroatischen Unternehmers Mate Rimac gehört. Der Staat setzte große Hoffnungen in das Projekt. Es sollte nicht lediglich ein autonom fahrendes Taxi entstehen, sondern ein vollständig elektrisches Fahrzeug mit Autonomiestufe 5 – also die höchste derzeit definierte Stufe des autonomen Fahrens.
Ein solches Fahrzeug benötigt grundsätzlich keinen Fahrer und ist nicht auf bestimmte, vorher festgelegte Einsatzgebiete oder besondere Verkehrsbedingungen beschränkt. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu den Robotaxis, die heute in Zagreb eingesetzt werden.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Das Projekt ist am 30. August 2026 ausgelaufen. Damit beginnt nun die Phase der Abrechnung. Verne hat nach eigenen Angaben 89,7 Millionen Euro aus dem kroatischen Nationalen Aufbau- und Resilienzplan als Vorschuss abgerufen. Innerhalb von 30 Tagen muss das Unternehmen seine Abschlussunterlagen einreichen. Erst anschließend wird die zuständige staatliche Agentur SAFU bewerten, welche vertraglichen Ziele erreicht wurden und welche Kosten anerkannt werden können. (vijesti.hrt.hr)
Verne selbst betont, die zuständigen Stellen hätten die erforderlichen Verifikationsprototypen vollständig autonome und elektrische Fahrzeuge erfolgreich abgenommen und die vorgesehenen Tests seien durchgeführt worden. Zugleich erklärt das Unternehmen, bereit zu sein, die erhaltenen Mittel zurückzuzahlen, sollte die abschließende Prüfung ergeben, dass die vertraglichen Verpflichtungen nicht vollständig erfüllt wurden. (vijesti.hrt.hr)
Das ist eine bemerkenswerte Formulierung. Denn sie zeigt, dass die entscheidende Frage inzwischen nicht mehr lautet, ob das Projekt eine spektakuläre Vision besitzt. Entscheidend ist, welche vertraglich vereinbarten Ergebnisse bis zum Ende der Laufzeit tatsächlich nachgewiesen werden können.
Ein Robotaxi fährt – aber nicht dieses
Die Verwirrung wird dadurch verstärkt, dass Verne inzwischen tatsächlich einen kommerziellen Robotaxi-Dienst betreibt. In Zagreb sind Fahrzeuge des chinesischen Herstellers Arcfox unterwegs. Die Technologie für das autonome Fahren stammt von Pony.ai, während Verne die Fahrzeuge betreibt und Uber die Vermittlung über seine Plattform ermöglicht. Bei der Einführung sitzt zunächst ein lizenzierter Sicherheitsoperator im Fahrzeug. (investor.uber.com)
Technisch handelt es sich dabei um ein System der Autonomiestufe 4. Das Fahrzeug kann innerhalb eines definierten Einsatzgebiets selbständig fahren, ist aber nicht für jede denkbare Verkehrssituation und jeden beliebigen Ort ausgelegt.
Das ist keineswegs bedeutungslos. Im Gegenteil: Für die Entwicklung kommerziell nutzbarer Robotaxis ist ein funktionierender Level-4-Betrieb ein wichtiger Schritt. Nur ist er nicht identisch mit dem Ziel des staatlich geförderten Projekts.
Verne hat selbst erklärt, dass die Kooperation mit Pony.ai und Uber unabhängig von der EU-Finanzierung zustande gekommen sei. Die heute in Zagreb eingesetzte Flotte kann deshalb nicht ohne Weiteres als Beleg dafür dienen, dass das mit öffentlichen Mitteln finanzierte Entwicklungsziel erreicht wurde. (index.hr)
Das Problem mit Level 5
Die fünfte Autonomiestufe ist nicht einfach eine etwas bessere Version des heutigen Robotaxis. Sie bezeichnet einen grundlegenden technologischen Sprung: Das Fahrzeug soll seine Fahraufgabe vollständig übernehmen, ohne dass ein Mensch als Fahrer oder Sicherheitsoperator erforderlich ist.
Gerade diese letzte Stufe erweist sich weltweit als außerordentlich schwierig. Nach derzeit öffentlich verfügbaren Informationen verfügt kein Unternehmen über ein allgemein einsetzbares Serienfahrzeug, das dieses Versprechen vollständig erfüllt.
Für Verne war die Latte allerdings nicht niedriger gelegt. Der entsprechende Projektgegenstand blieb auch nach mehreren Änderungen und Verlängerungen des Vertrags bestehen. Die entscheidende Frage ist daher, ob die nun vorgelegten Nachweise tatsächlich den vereinbarten Grad der Autonomie belegen.
Die Zahl der gebauten Prototypen allein beantwortet diese Frage nicht.
Jetzt geht es um das Geld
Von den ursprünglich bewilligten 179,5 Millionen Euro wurden bislang rund 89,7 Millionen Euro als Vorschuss abgerufen. Wie viel davon Verne behalten darf, ist derzeit noch offen. Das Unternehmen kann im Abschlussverfahren weitere Kosten geltend machen; anschließend müssen die zuständigen Behörden prüfen, welche Ausgaben förderfähig sind und welche Projektziele nachweislich erreicht wurden. (vijesti.hrt.hr)
Es wäre deshalb voreilig, bereits heute eine konkrete Rückzahlungssumme festzulegen. Sicher ist lediglich: Die Projektlaufzeit ist beendet. Die nun verbleibenden 30 Tage dienen der Dokumentation und Abrechnung, nicht einer weiteren Verlängerung des Entwicklungszeitraums. (vijesti.hrt.hr)
Für Kroatien ist das Verfahren mehr als eine gewöhnliche Abrechnung eines Forschungsprojekts. Das Robotaxi galt als Symbol für den Anspruch des Landes, aus eigener Kraft ein international bedeutendes Technologieunternehmen hervorzubringen. Der Staat verband damit Industriepolitik, europäische Förderpolitik und die Hoffnung auf eine neue Form urbaner Mobilität.
Gerade deshalb dürfte die Schlussprüfung eine politische Dimension bekommen.
Ein Erfolg mit Fragezeichen
Es wäre allerdings ebenso falsch, das gesamte Vorhaben schlicht als gescheitert abzuschreiben.
Verne hat gemeinsam mit Partnern einen kommerziellen autonomen Fahrdienst in Zagreb aufgebaut. Uber hat den Dienst in seine Plattform integriert, Pony.ai liefert die Fahrtechnologie, und Verne übernimmt den Betrieb der Flotte. Für die europäische Robotaxi-Industrie ist das ein bemerkenswerter Entwicklungsschritt. (investor.uber.com)
Nur ist zwischen einem funktionierenden Level-4-Robotaxidienst und dem ursprünglich geförderten Level-5-Fahrzeug ein erheblicher Unterschied.
Genau an dieser Differenz entscheidet sich nun die Bilanz des kroatischen Vorzeigeprojekts.
Die eigentliche Bewährungsprobe findet deshalb nicht auf den Straßen Zagrebs statt. Sie findet in den Abschlussunterlagen statt – und in der Frage, ob sich die großen Versprechen der vergangenen Jahre in überprüfbare technische Ergebnisse übersetzen lassen.
Erst wenn die Behörden diese Unterlagen geprüft haben, wird feststehen, ob das Projekt seine vertraglichen Ziele erfüllt hat und wie viel von den bereits ausgezahlten öffentlichen Mitteln bei Verne verbleiben kann.
Bis dahin bleibt ein bemerkenswertes Paradox: Das Robotaxi fährt bereits durch Zagreb. Nur ist damit noch nicht bewiesen, dass das Robotaxi-Projekt, für das Kroatien beinahe 180 Millionen Euro bereitgestellt hat, sein eigentliches Ziel erreicht hat.