Kroatien News

Der Preis der Adria – und der Preis des Vergleichs

Warum die aktuelle Kroatien-Debatte zu kurz greift

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Kroatien ist zu teuer geworden. Kroatien verliert seine Gastfreundschaft. Kroatien macht aus seinen Urlaubern zunehmend bloße Geldbeutel.

Solche Vorwürfe sind in diesen Tagen wieder zu lesen. Eine deutsche Urlauberin, die seit mehr als 35 Jahren regelmäßig nach Kroatien reist, schildert nach ihrem diesjährigen Aufenthalt Erfahrungen, die sie nach eigener Aussage besonders getroffen haben. Sie berichtet von einem distanzierten Vermieter, einem Vorfall mit einem Boot, einem tätlichen Angriff im Straßenverkehr und einem allgemeinen Gefühl, als Tourist teilweise nicht mehr willkommen zu sein. Besonders bitter sei für sie die Erkenntnis gewesen, sich mitunter nur noch als notwendiges Übel zum Zweck des Geldverdienens zu fühlen. (tz.de)

Ihre Schilderung sollte man nicht abtun. Wer ein Land über Jahrzehnte bereist und dabei immer wieder dieselben Regionen, Menschen und Orte erlebt, besitzt einen Erfahrungshorizont, der über den eines einmaligen Pauschalurlaubs hinausgeht.

Doch gerade weil die Debatte ernst genommen werden sollte, darf sie nicht bei der einfachen Erzählung stehen bleiben: Kroatien wird teuer, also ist Kroatien auf dem Weg zur Abzocke.

Denn die entscheidende Frage lautet: Teuer im Vergleich zu wem – und zu was?

Und genau hier beginnt die eigentliche Geschichte.

Ein halber Liter Wasser für 5,10 Euro

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Wir sind gerade aus Kroatien zurückgekehrt. Wir haben dort gegessen, getrunken, uns bewegt, Restaurants besucht und die touristische Infrastruktur genutzt. Unser Eindruck war nicht der eines Landes, das seine Gäste systematisch über den Tisch ziehen will.

Im Gegenteil.

Wir haben beispielsweise für etwa 20 bis 25 Euro pro Person ausgezeichnet gegessen: Dorade vom Grill, Calamari vom Grill und andere Gerichte, die nicht nur satt machten, sondern auch qualitativ überzeugten. Dazu kam das, was für viele den eigentlichen Wert eines Aufenthalts an der kroatischen Küste ausmacht: der Blick auf die Adria.

Das Meer vor Augen, der Fisch auf dem Teller, ein Espresso danach.

1,80 Euro.

Das ist kein Beweis dafür, dass Kroatien billig ist. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass Preiswahrnehmung immer auch eine Frage des Vergleichs ist.

Besonders deutlich wurde uns das auf der Rückreise.

Die Fotos, die diesen Artikel begleiten, entstanden nicht in Dubrovnik, nicht auf Hvar, nicht in Split und nicht an einem exklusiven Yachthafen. Sie entstanden in Österreich – an einer Autobahnraststätte der Kette Landzeit.

Dort kostete ein halber Liter Wasser 5,10 Euro. Eine kleine Packung Kinder Schoko-Bons mit 125 Gramm schlug mit 7,40 Euro zu Buche.

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Autobahnraststätte.

Österreich.

Nicht Adria-Promenade in der Hochsaison.

Das ist kein Argument gegen Österreich. Und es wäre ebenso falsch, aus zwei Preisen an einer Raststätte abzuleiten, Österreich sei generell ein Land der Abzocke.

Aber genau dieselbe Fairness sollte auch für Kroatien gelten.

Wenn einzelne extreme Preise in Kroatien als Beweis für eine allgemeine Abzocke herangezogen werden, muss man dieselbe Messlatte auch an Deutschland und Österreich anlegen.

Die Kunst des richtigen Vergleichs

Ein touristischer Preis lässt sich nicht isoliert betrachten.

Ein Espresso für 1,80 Euro an der kroatischen Küste kann angemessen sein. Ein Espresso für fünf Euro in einer exklusiven Lage kann ebenfalls angemessen sein – wenn Leistung, Lage und Angebot den Preis rechtfertigen.

Und ein Wasser für fünf Euro kann teuer sein, obwohl der Anbieter es legal und transparent verkauft.

Das Problem beginnt dort, wo aus einem hohen Preis automatisch ein moralisches Urteil wird.

Noch komplizierter wird es, wenn Preise verschiedener Länder miteinander verglichen werden, ohne Einkommen, Kostenstrukturen, Steuern, Immobilienpreise, Personalaufwand und touristische Nachfrage zu berücksichtigen.

Der Preis eines Gerichts ist nicht nur der Preis der Zutaten.

Er enthält Miete oder Pacht, Energie, Personal, Logistik, Steuern, Investitionen, Saisonrisiken und die Tatsache, dass ein Betrieb in vielen kroatischen Küstenregionen innerhalb weniger Monate einen erheblichen Teil seines Jahresumsatzes erwirtschaften muss.

Das erklärt Preise.

Es rechtfertigt allerdings nicht jeden Preis.

Und genau diese Unterscheidung ist entscheidend.

Wenn Ćevapi plötzlich „Luxus“ sein sollen

Auch der zweite Beitrag, der derzeit in der Diskussion steht, verdient eine differenzierte Betrachtung.

Total Croatia News berichtet über einen Deutschen, der seit 18 Jahren auf Brač Urlaub macht, dort ein Haus gekauft hat und sich nach eigener Darstellung eng in die örtliche Gemeinschaft integriert hat. Seine Kritik richtet sich weniger gegen einen einzelnen Restaurantbesuch als gegen eine grundsätzliche Veränderung des touristischen Modells. (Total Croatia)

20 oder 25 Euro für Ćevapčići oder eine Pljeskavica empfindet er als schwer nachvollziehbar. Nicht unbedingt, weil er sich diese Preise nicht leisten könne, sondern weil er den Gegenwert nicht mehr erkenne.

Das ist ein wichtiger Punkt.

Denn Preis und Wert sind zwei verschiedene Dinge.

Ein Gericht kann 25 Euro kosten und trotzdem seinen Preis wert sein. Ein Gericht kann aber ebenso 15 Euro kosten und den Gast enttäuschen.

Der Preis allein sagt darüber wenig aus.

Interessanter ist die Frage, was der Gast dafür bekommt – und ob er das Gefühl hat, dass ihm ein fairer Gegenwert geboten wird.

Genau hier liegt vermutlich der empfindlichste Punkt der aktuellen Debatte.

Kroatien darf nicht seine eigene Stärke verlieren

Die Sorge vor einer zunehmenden Kommerzialisierung ist keineswegs unbegründet.

Die kroatische Küste lebt von ihrer Schönheit. Aber sie lebt ebenso von ihrer Atmosphäre.

Von den Konobas.

Von einfachen Gerichten.

Von langen Abenden am Wasser.

Von einem Kaffee, der nicht zum Erlebnisprodukt erklärt werden muss.

Von Menschen, die sich Zeit für ein Gespräch nehmen.

Von einer Form der Gastfreundschaft, die nicht aus einem Marketingkonzept entstanden ist.

Der in Total Croatia News zitierte langjährige Besucher bringt diesen Gedanken auf den Punkt: Kroatien müsse nicht zur Côte d’Azur werden, weil gerade die Einfachheit und Authentizität Teil seiner Attraktivität seien. (Total Croatia)

Das ist ein Argument, das man ernst nehmen sollte.

Denn Tourismus kann seine eigene Grundlage zerstören.

Wenn aus einem Fischerdorf eine Ansammlung von Ferienwohnungen, Souvenirgeschäften und hochpreisigen Gastronomiebetrieben wird, wenn jede freie Fläche wirtschaftlich verwertet wird und jede Dienstleistung möglichst noch einmal separat berechnet wird, verändert sich nicht nur die Preisstruktur.

Es verändert sich das Lebensgefühl.

Und dieses Lebensgefühl ist für Kroatien ein wirtschaftlicher Wert – auch wenn es in keiner Bilanz auftaucht.

Aber auch die Urlauber sind Teil des Problems

An diesem Punkt endet allerdings die Verantwortung der Gastgeber nicht – aber sie beginnt auch nicht erst dort.

Denn Massentourismus entsteht nicht allein dadurch, dass Einheimische Preise erhöhen.

Er entsteht, weil Millionen Menschen dasselbe wollen.

Die schönste Bucht.

Den besten Blick.

Die perfekte Ferienwohnung.

Das Restaurant direkt am Meer.

Die angesagteste Insel.

Die Hauptsaison.

Und möglichst alles gleichzeitig.

Kroatien wird in der Hochsaison nicht nur von Urlaubern besucht. Es wird von ihnen beansprucht.

Die Konsequenzen sind bekannt: überlastete Straßen, volle Häfen, knapper Wohnraum, steigende Immobilienpreise, Belastungen für die Infrastruktur und eine zunehmende Spannung zwischen touristischer Wirtschaft und dem Alltag der Bevölkerung.

Auch die aktuelle Berichterstattung verweist auf Untersuchungen, die für kroatische Küstenregionen und Inseln Belastungen durch Overtourism beschreiben. Dabei geht es unter anderem um Verkehr, Infrastruktur und die Lebensqualität der Bevölkerung. (tz.de)

Wer also über Kroatiens Tourismus spricht, sollte nicht nur fragen:

„Warum wird es für uns teurer?“

Sondern auch:

„Was kostet es die Menschen, die dort leben?“

Der Urlauber ist nicht immer unschuldig

Es ist bequem, den Gastgeber zum alleinigen Verursacher einer touristischen Fehlentwicklung zu machen.

Aber auch die Nachfrage bestimmt den Markt.

Wenn ein Ort jedes Jahr ausgebucht ist, werden die Preise steigen.

Wenn eine Ferienwohnung für 200 Euro pro Nacht problemlos vermietet werden kann, wird sie kaum für 100 Euro angeboten werden.

Wenn ein Restaurant für 25 Euro Ćevapčići verkauft und die Tische trotzdem voll sind, gibt es aus betriebswirtschaftlicher Sicht zunächst wenig Anlass, den Preis zu senken.

Das mag man bedauern.

Man kann es kritisieren.

Aber man sollte es nicht mit einer nationalen Charakterfrage verwechseln.

Marktwirtschaft ist kein kroatisches Phänomen.

Der Blick nach Frankfurt

Und dann ist da noch Deutschland.

Wer in Frankfurt am Main lebt, kennt das Spiel.

Eine gute Lage kostet Geld. Personal kostet Geld. Mieten kosten Geld. Lebensmittel kosten Geld. Energie kostet Geld.

Und trotzdem ist die Frage erlaubt, warum ein Döner, der qualitativ kaum mehr bietet als ein schneller Imbiss, inzwischen teilweise zehn Euro kostet – während man sich in Kroatien für 20 bis 25 Euro pro Person an einen Tisch mit Blick auf die Adria setzen und frisch gegrillten Fisch essen kann.

Das ist kein objektiver Preisvergleich.

Aber es ist ein Vergleich der Wahrnehmung.

Denn genau darum geht es bei der Diskussion.

Wir akzeptieren hohe Preise im eigenen Land häufig als Ausdruck gestiegener Kosten.

Im Urlaub dagegen erwarten wir, dass unser Geld möglichst weit reicht.

Und wenn das nicht mehr funktioniert, heißt es schnell: Abzocke.

Vielleicht sollten wir uns gelegentlich fragen, ob wir mit zweierlei Maß messen.

Die Raststätte als unbequemer Spiegel

Die Landzeit-Raststätte auf der österreichischen Autobahn ist deshalb mehr als eine kuriose Anekdote.

Sie ist ein kleiner Spiegel.

5,10 Euro für einen halben Liter Wasser und 7,40 Euro für 125 Gramm Schoko-Bons sind Preise, bei denen viele Menschen zunächst schlucken dürften.

Aber niemand käme deshalb ernsthaft auf die Idee zu behaupten, Österreich sei als Urlaubsland grundsätzlich eine Abzocke.

Warum sollte das bei Kroatien anders sein?

Die Antwort kann nur lauten:

Weil wir dort einen anderen Maßstab anlegen.

Wir fahren nach Kroatien und erwarten die mediterrane Lebensart, die Schönheit der Küste, gutes Essen, freundliche Menschen und möglichst moderate Preise.

Das ist verständlich.

Aber Kroatien ist längst kein Geheimtipp mehr.

Das Land ist Mitglied der Europäischen Union und des Euroraums. Es ist wirtschaftlich und touristisch stark gewachsen. Die kroatische Küste gehört zu den begehrtesten Reisezielen Europas.

Wer erwartet, dass die Preise dort dauerhaft auf dem Niveau vergangener Jahrzehnte bleiben, verwechselt Erinnerung mit Realität.

Die eigentliche Gefahr ist nicht der hohe Preis

Die eigentliche Gefahr für Kroatien liegt deshalb nicht darin, dass eine Dorade zehn oder zwanzig Prozent mehr kostet als früher.

Die Gefahr liegt darin, dass der Gast den Gegenwert nicht mehr erkennt.

Wenn der Service schlechter wird, während der Preis steigt, entsteht Frust.

Wenn aus Gastfreundschaft reine Geschäftsbeziehung wird, entsteht Distanz.

Wenn aus jeder Dusche, jedem Parkplatz und jeder Kleinigkeit eine zusätzliche Einnahmequelle wird, entsteht irgendwann der Eindruck, dass der Gast nicht willkommen, sondern lediglich rentabel ist.

Und genau dieses Gefühl beschreiben sowohl die langjährige Urlauberin als auch der langjährige Brač-Besucher – aus unterschiedlichen Perspektiven. (tz.de)

Das ist vielleicht der interessanteste gemeinsame Nenner ihrer Geschichten.

Nicht der Preis allein.

Das Verhältnis zwischen Preis und Wert.

Was Kroatien seinen Gästen verkaufen sollte

Kroatien sollte deshalb nicht versuchen, möglichst teuer zu werden.

Es sollte versuchen, möglichst wertvoll zu bleiben.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Ein Gast akzeptiert höhere Preise, wenn er das Gefühl hat, etwas dafür zu bekommen.

Er akzeptiert sie schlechter, wenn er das Gefühl hat, dass ihm nur deshalb mehr berechnet wird, weil er Urlauber ist.

Ein Land kann seine Preise erhöhen.

Aber es kann nicht beliebig seine Identität verkaufen, ohne irgendwann seine eigene Attraktivität zu beschädigen.

Die vielleicht größte Stärke Kroatiens war nie der niedrige Preis.

Es war das Verhältnis von Preis, Landschaft, Essen, Atmosphäre und menschlicher Nähe.

Wer dieses Verhältnis bewahrt, muss keine Angst vor einem höheren Preisniveau haben.

Wer es verliert, kann auch mit niedrigen Preisen keinen dauerhaften Tourismus garantieren.

Vielleicht müssen wir wieder genauer hinschauen

Die aktuelle Debatte über Kroatien ist deshalb durchaus berechtigt.

Aber sie sollte differenzierter geführt werden.

Ja, es gibt in Kroatien überhöhte Preise.

Ja, es gibt touristische Orte, an denen der Gast inzwischen deutlich tiefer in die Tasche greifen muss.

Ja, es gibt Probleme mit Massentourismus, Infrastruktur und der Balance zwischen Einheimischen und Besuchern.

Und ja: Wer über Jahrzehnte nach Kroatien reist, darf Veränderungen ansprechen.

Aber ebenso gilt:

Nicht jeder hohe Preis ist Abzocke.

Und wer nach Abzocke sucht, sollte nicht nur über die Adria schauen.

Man findet sie auch auf deutschen Flughäfen, in deutschen Innenstädten und auf österreichischen Autobahnraststätten.

Man findet sie überall dort, wo Nachfrage, Lage und Zahlungsbereitschaft zusammentreffen.

Das ist keine kroatische Besonderheit.

Kroatien sollte Kroatien bleiben

Vielleicht ist das deshalb die wichtigste Lehre aus dieser Debatte:

Kroatien muss nicht billig bleiben.

Aber Kroatien sollte Kroatien bleiben.

Es muss nicht zur Côte d’Azur werden.

Es muss nicht jedes Restaurant zum Fine-Dining-Tempel machen.

Es muss nicht aus jeder einfachen Dienstleistung ein Luxusprodukt machen.

Und es sollte sich davor hüten, den langjährigen Gast nur noch als möglichst ergiebige Einnahmequelle zu betrachten.

Denn der Tourismus lebt nicht allein von Betten, Speisekarten und Preistafeln.

Er lebt von Vertrauen.

Von Wiederkehr.

Von persönlichen Beziehungen.

Und von dem Gefühl, an einem Ort nicht bloß geduldet, sondern willkommen zu sein.

Das gilt für Kroatien.

Es gilt aber ebenso für die Urlauber.

Denn auch wir sollten uns fragen, ob wir wirklich ein Land wollen, in dem alles billiger ist als zu Hause – oder ein Land, in dem Preis und Leistung, Gastgeber und Gast, Tourismus und Alltag noch in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen.

Die Antwort darauf entscheidet letztlich nicht allein die kroatische Gastronomie.

Sie entscheidet der Markt.

Und damit auch der Urlauber.

Vielleicht beginnt eine faire Debatte über Kroatiens Preise deshalb nicht mit der Frage, was ein halber Liter Wasser kostet.

Sondern mit der viel schwierigeren Frage: Was ist uns ein guter Urlaub eigentlich wert?

📷 Kroatien News

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